Die Suche …

Published on: 14 April 2021
By TZ

Motiviert durch das Leben als solches und über die aktuelle Killfie* – (Referenz unten im Text) Diskussion möchte ich ein paar Gedanken teilen. Ich hoffe ihr seid dann ordentlich gelangweilt und werdet faul.

Wie ihr vielleicht bin ich Fliegenfischer und wohne deshalb seit 2009 in Norwegen. Hier erlebe ich die Natur sehr nah. Ausser einmal am Nordkapp, war ich noch nicht an den klassischen “Klippenspots”. Dort zieht mich nichts hin. Bilder die durch geschickte Blickwinkel eine gewisse Einsamkeit oder Abgeschiedenheit der Situation zu vermitteln, stehen im krassen Gegensatz zu Parkplätzen für bis zu 1000 Fahrzeuge (Trolltunga, Prekestolen). Drei sind schon ne “crowd” … aber genug davon.

Ich glaube jeder Mensch braucht .. also wirklich im Sinne von “Benötigen” .. ab und zu wirklich Ruhe und Abgeschiedenheit. Mal nichts hören ausser das Rauschen des Windes, Vogelgezwitscher und `nen Tag lang stumpf übers Wasser gucken. Das kann man an vielen Orten ausserhalb der Städte erleben. Ich freue mich über jeden der sich dessen bewusst ist und sich wirklich trauen mal “faul” zu sein – im Besten Sinne des Wortes.

Für mich ist dies eben auch Angeln, genauer gesagt Fliegenfischen. Damit das “funktioniert” muss man sich fallen lassen können. Die Natur ganz bewusst herrein lassen, akzeptieren und alles was da kommt zulassen – eben durch intensives zuhören und zuschauen mit seiner Umgebung kommunizieren. Das ist nicht so einfach wie es ausschaut.

Nach einer Weile öffnet sich dann eine ganz andere, neue Welt. Mit entsprechender theoretischer Einführung versteht, ja begreift man was da alles im sonst Verborgenen passiert.

Wo zum Beispiel dieses Insekt herkommt, was da plötzlich wie aus dem Nichts kommend an einem vorbei flog.

Das Insekt war vielleicht eine Köcherfliege … und plötzlich sind sie alle da, die Köcherfliegen. Diese wunderbaren Geschöpfe die als Larven ein oder mehrere Jahre in ihren kleinen aus Sand und Steinchen zusammengeklebten Behausungen unter Wasser gelebt haben.

Auf ein absolut ungeklärtes, ja geheimes Signal hin kommen sie alle gleichzeitig zur Wasseroberfläche und werden zu Fluginsekten. Schwärmen dann zu tausenden umher um sich zu paaren. Genau so geht es auch den schönen Maifliegen. Sie tun es den Köcherfliegen gleich und finden ihren Partner. Manche bilden in der Luft das Herzförmige Symbol der Liebe. All dies geschieht rund Mitternacht. Man kann es sehr gut beobachten, denn im Skandinavischen Sommer sind die Nächte ja hell.

Dieses Schauspiel bleibt den Fischen natürlich nicht verborgen und sie suchen eifrig nach den auskriechenden Wasserlebewesen die in der Oberfläche hängend von Larve zu Fluginsekt transformieren. Zu einer späteren Stunde werden dann die Fliegen die nach der Eiablage erschöpft auf dem Wasser sterben zur einfachen Beute für Vögle und Fische. Deshalb sausen also die Schwalben so knapp übers Wasser, denkt man erkennend.

Man sieht die Forellen nach den Insekten schnappen und sich satt fressen. Das ganze Schauspiel ergibt plötzlich Sinn, einen wirklich tieferen Sinn. Der Kreislauf des Lebens. Der Skandinavier hat ein eigenes Wort für das Ereignis was die Ringe auf die Oberfläche zaubert – Vak. “Har du sett vak? Vater det?” (Hast du vak gesehen) ist das Mantra ab Mai bis in den August. Nichts anderes scheint die Gedanken ansonsten ruhiger Frauen und Männer zu beschäftigen.

“Vak” spricht man übrigens mit weit aufgerissen Augen aus die gebannt auf den Befragten stieren. Ja, wie schaut’s aus? Was geht ab? – picture by Konstanse Larsen

Ist man zur richtigen Zeit am richtigen Ort, ist man dann auch wirklich mitten drin. Mit einem gekonnten Wurf mit der Fliegenangel die in langen Winterstunden gebastelte Insektenimitation auf dem Wasser platzieren. Dann, und auch nur dann, wenn man alles richtig gemacht hat fällt die Forelle auf die Täuschung herein und hängt am Haken.

Und ob man alles richtig gemacht kann einem nur die Natur bestätigen. Man weiss es nie vorher. Man kann es ahnen und man nähert sich mehr und mehr dieser Perfektion, aber man weiss es eben nie. Kein Wunder also, dass es gerade in der Jagd und Fischerei so viel Rituale gibt. Ein Mysterium kann man ergründen oder eben beschwören. Die Götter besänftigen.

Leben ist die Suche nach Wahrheit, nicht die Wahrheit selbst. Die Wahrheit .. also 42* … selbst ist wertlos ohne die Suche …

… genau wie diese Bilder von halbnackten 15-Jährigen die sich auf der Suche nach natürlicher Ausstrahlung an der Kante von Abhängen drapieren. Tja … wer’s braucht? Pubertät ist bekanntlich ne schwierige Zeit. Bei manchen Verschwinden die Pickel nie sondern wandern bloss nach innen auf die Hirnrinde.

Wer weiss das schon 😉 Ich geh doch lieber Fliegenfischen. Dabei kann ich in Würde altern und werd sogar noch satt dabei.

* Killfie – Selfies an gefährlichen Orten. Ein Wortspiel aus to kill und Selfie, also der modernen Version des “Bildnis des Dorian Gray”

* 42 the answer to life the universe and everything – “The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy.”, by Douglas Adams

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